Hosentaschenverlag oder Lyrik

Hosentaschenverlag oder Lyrik aus der Tasche

Die Stiftung Lesen schlugt zuletzt Alarm, ein Viertel aller Deutschen haben noch nie ein Buch gelesen, weniger als zehn Prozent der Bundesbürger lesen überhaupt täglich.

Die Stiftung Lesen schlugt zuletzt Alarm, ein Viertel aller Deutschen haben noch nie ein Buch gelesen, weniger als zehn Prozent der Bundesbürger lesen überhaupt täglich. Ganz anders sieht es da schon mit dem Internet aus. Bei Facebook und StudiVZ loggen sich mehr als die Hälfte aller User täglich ein, um die Statusnachrichten ihrer Freunde zu lesen und ihre Neuigkeiten mitzuteilen. Kritiker werfen der Buchbranche deshalb häufig vor, keine Innovation zu bringen. Bücher seien zu unhandlich und würden nicht in die mobile Welt voller Netbooks und Smartphones passen. Das auch Verlage zu Innovationen fähig sind, beweist eine junge Gründerin aus Hannover. Dorthe Hodemacher hat die Literatur aus ihrem Buchformat befreit und gibt Kurzgeschichten im faltbaren A3-Format heraus. Die Bücher passen in jede Hosentaschen und sind die literarische Ergänzung zum Coffee-To-Go. Vierteljährlich erscheinen nun die Kurzgeschichten von unbekannten und bekannten Autoren aus ganz Deutschland. Neben dem Direktvertrieb über den Verlag hat Hodemacher Kooperationen mit Gastronomen und Einzelhändlern geschlossen. Die Geschichten werden dort zum Beispiel gleich mit dem Kaffee verkauft. So kann man bequem seinen Nachmittag mit Literatur, Kaffee und Kuchen genießen. Eine Geschichte kostet rund 2,50 Euro.

Am Anfang war der Fensterkasten

Angefangen hatte die Erfolgsgeschichte mit einem WG-Zimmer im Erdgeschoss. Um mit den vorbeigehenden und hinguckenden Menschen in Kontakt zu treten, kam Hodemacher auf die Idee einen Kasten mit kleinen Geschichten zum Mitnehmen ans Fenster zu hängen. Die Kurzgeschichten schrieb sie selbst und druckte sie per Drucker aus. Diese ungewöhnliche Idee wurde schnell zum Geheimtipp und schon bald musste sie pro Tag fast 250 Geschichten ausdrucken. Als Gegenleistung landete einige Fanpost, Schokolade und andere Leckereien im dem Fensterkasten. Auch andere Autoren wurde auf Hodemachers Zettelkasten aufmerksam und baten um „Veröffentlichung“. Damit war die Schritt zur Verlagsgründung nur logisch.

Buchmarkt-Award und Startup-Preis

Für ihre innovative Idee bekam die junge Literatur-Unternehmerin auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse den Buchmarkt-Award als „Newcomer des Jahres“. Die Jury, in der unter anderem Elmar Krekeler (Kritiker der Welt) und Klaus Kluge (Geschäftsführer von Bastei) saßen, würdigten die Lyrik im Hosentaschenformat: „Ein Hingucker witzig gemacht – auf diese Idee kann man neidisch werden.“ Auch von der Startup-Förderung von Hannover impuls wurde der Verlag ausgezeichnet und erhält nun eine finanzielle Unterstützung.

Der Erfolg ist aber für Dorthe Hodemacher kein Grund sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, der nächste Coup ist schon in Planung: Die nächsten Kurzgeschichten sollen als Postkarte verschickt werden können.

Web: www.hosentaschengeschichten.de

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Comments

  1. Interessant, was Frau Hodemacher da in Hannover gestartet hat. Nur: Neu ist die Idee nicht. Der Berliner Verlag Sukultur hatte diese Idee bereits vor langen Jahren:

    http://www.satt.org/sukultur/automaten/index.html

    Die kleinen Sukultur-Lesehefte gibt es in Süßwarenautomaten, zudem können sie auch per Post bestellt werden:

    http://www.sukultur.de

    Sukultur, das ist der Verlag, bei dem auch das Buch Strobo des Berliner Bloggers Airen erschienen ist. Natürlich nicht im Taschenformat und auch nicht für 1 Euro. Bei Airen hat sich ja Helene Hegemann bedient…

  2. In der Tat, Literatur-Faltblätter sind (nicht nur in Hannover) ein alter Hut.
    Auch die hannoversche Autorengruppe „Schriftstelle“ verteilt ihre Literaur nett gestaltet auf Faltblättern – und zwar umsonst.

    Die Geschichte der Verlagsgründung klingt nett. Aber 2,50 € für eine Geschichte finde ich dann doch überteuert.

    @ Michael: Da du den Sukultur-Verlag erwähnst(der schon vor Jahren die Faltblätter-Idee hatte)und du auf den Hegemann-Fall hinweist – schau doch mal das Logo von http://www.hosentaschengeschichten.de an. Nun ja, ein neuer Fall von Intertextualität oder wie nennt man das Kopieren von Typografie? Tut mir leid, aber in diesem Zusammenhang kann man schon mal bissig werden.

    Und überhaupt: Was ist eigentlich eine „Literatur-Unternehmerin“? 😉

    Kleiner Korrekturhinweis: nicht auf „Lohr­bee­ren“ ruht man sich aus, sondern auf Lorbeeren 😉

  3. @Lucie: ja, „Literatur-Unternehmerin“ ist tatsächlich eine interessante Wortwahl. Vielleicht werden die jungen Menschen in diesen Zeiten schon automatisch als Unternehmer geboren.

    Das Kopieren der Typografie ist wirklich krass: Auffälliger geht es ja gar nicht mehr. Die Idee von SuKuLTuR (www.sukultur.de) übernehmen und dann gleich die Typografie für HOSenTaSCHenGeSCHiCHTen (www.hosentaschengeschichten) kopieren.

    Rätselhaft finde ich auch, warum diese junge Frau dann während der Leipziger Buchmesse eine Branchenpreis bekommt. Mit einer Idee, die nun wirklich mal ein alter Hut ist…

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